Rebel without a Pause

Rebel without a Pause

Ich hatte eine recht verzwickte Kindheit. Obwohl auf Sylt geboren, sind mein Bruder und ich aufgrund finanzieller Probleme unserer Eltern die ersten Lebensjahre bei der Oma in der Türkei aufgewachsen. Nachdem sich die Situation auf Sylt entspannte, haben sie uns wieder zurück nach Sylt geholt. Mit meiner Mum, die gebürtige deutsche ist, konnten wir uns anfangs gar nicht verständigen, sie musste schnell türkisch lernen damit eine Kommunikation abseits von Händen und Füßen möglich war (heute spricht sie die Sprache übrigens perfekt). Die erste Zeit in Deutschland war super, also bis auf die Unterschriftenaktion der Mieter unseres Gettoblocks die nicht wollten dass Türken in Ihr Viertel ziehen, aber irgendwas ist ja immer. Nein, die Probleme fingen erst mit der Schulzeit an. Als einziges Ausländerkind in der Klasse wurde ich schnell zum Außenseiter und Prügel war an der Tagesordnung. Da war es egal dass ich blond war und blaue Augen hatte, ich hieß Murat und sprach gebrochen deutsch. Sogar Lehrer beschimpften mich als stinkenden Kanaken, meinten mich vermöbeln zu müssen. Ich wurde regelmäßig von meinen Mitschülern nach der Schule abgefangen. Einige von denen sind heute Bullen. Die Scheiße zog sich sehr lange hin, auch auf der weiterführenden Schule war Rassismus noch an der Tagesordnung. Mir ist durchaus klar dass es heutzutage in unseren Großstädten genau andersrum läuft, dass Ausländerkidz deutsche Kidz mobben. Es ist ein verdammtes menschliches Problem, überall wo es Minderheiten gibt scheint es zu Diskriminierungen zu kommen, das Krebsgeschwür unserer Gesellschaft. Irgendwann bekam ich eine Identitätskrise. Ich hatte das Gefühl weder Fisch noch Fleisch zu sein und klammerte mich nur noch an meine große Liebe, die Musik. Mit ihr zusammen konnte ich abschalten, sie gab mir halt und ich flüchtete mich mit Hilfe Ihrer Klänge in eine andere Welt. Bis diese Welt urplötzlich im Jahre 1989 radikal auf den Kopf gestellt wurde, an dem Tag als ich zum ersten mal Fight the Power von Public Enemy hörte…


Public Enemy – Fight the Power von robeu

Was zur Hölle war das? Ein Beat der mir den Arsch versohlte, ein Rapper der gnadenlos auf mich einprügelte, als wolle er sagen “Wach endlich auf Junge, so kann es nicht weitergehen mit deinem Leben!” Sie sagten nicht “Fight for Power”, sie schrien “Fight the Power”! Was für eine Kampfansage. Ich lechtzte nach mehr. Das Album “It takes a Nation of Millions to Hold us back” hat mich dann vollständig paralysiert. So eine Energie hatte ich vorher noch nie in Musik gespürt – die Raps und der Sound waren aggressiv, es ging um Gerechtigkeit, Unterdrückung, Stolz, Geschichte. Worte wurden zu Waffen, und sie kamen wie aus der Pistole geschossen. Don´t belive the Hype – ich lernte nicht alles zu glauben was man mir erzählte und zu hinterfragen was uns die Medien vorgaukelten. Zum ersten mal in meinem Leben fühlte ich mich richtig verstanden, auch wenn sie zu der schwarzen Bevölkerung sprachen, ich fand mich in Ihren Texten wieder, konnte mich identifizieren. Mir wurde klar, dass Musik viel mehr sein konnte und im Stande war Revolutionen auszulösen. Plötzlich war nichts mehr in meinem Leben wie vorher, ich strotzte vor Selbstbewusstsein, fing selbst an Texte zu schreiben und mit meiner Vergangenheit aufzuräumen, gründete mit meinem Bruder und engen Freunden die Gruppe Lyrical Prophets und wurde mit Ihr ein Teil deutscher Hip Hop Geschichte .

Das ist jetzt alles lange her. Keine Gruppe hat mein Leben mehr beeinflusst und so zum positiven verändert wie Public Enemy. Und bis heute haben sie nicht aufgehört für Ihre Sache zu kämpfen. In einer Zeit, wo Rap Musik leider kaum mehr Inhalte aufzuweisen hat und sich anscheinend alles nur noch um Bitches, Money, Kiffen und Kanaken mit Knarren zu drehen scheint, zeigen sie uns auch 23 Jahre nach “Fight the Power” noch eindrucksvoll wie Hip Hop im Jahre 2012 zu klingen hat. Das gesprochene Wort hat nichts von seiner Macht verloren.

 

Public Enemy releases new album: Most of My Heroes Still Don’t Appear on No Stamp

 

12 Kommentare

  1. Subkutan! Was für eine Hammernummer!!! Seltsame Übereinstimmung…ich bin gerade dabei ein neue Soundstation für mein Arbeitszimmer zu planen in deren Mittelpunkt nach etwa 20 digitalen Jahren wieder ein Turntable stehen wird…
    Dude – las Dir nie Deine Musik nehmen!

  2. Mann, Murat, was für eine Geschichte. Tut mir echt leid für dich, dass du als Kind so viel Leid ertragen musstest. Da kommen auch so einige unschöne Erinnerungen bei mir hoch, was die Beschimpfungen für mich betreffen…
    Aber was für ein Glück für dich, dass du damals deinen “Freund” Musik gefunden hattest, wer weiß, was sonst passiert wäre!

    Guten Morgen, Amico mio, bist ja auch grad bei Spotify ;)

  3. Ich denke Du hast da ein Problem angesprochen über das man gar nicht oft genug sprechen kann. Wie Du auch sagst nicht nur die Kids selber, auch Lehrer sind dort teils involviert.
    Meine Tochter hatte ihre Freundin damals in der KITA kennengelernt , ein kleines türkisches Mädchen, die beiden waren unzertrennlich. Meine Tochter wurde natürlich mit angepöbelt und bedroht weil sie sich immer schützend vor das Mädchen stellte. Sprich, ich bekomme heute noch Gänsehaut wenn ich daran denke wie grausam Kids aber auch ihre Eltern(!!) sein können. Die Mädels sind übrigens heute noch beste Freundinen mittlerweile beide 22 Jahre alt.

    Und wieder muss man feststellen das Musik Lebensplanungen und Psyche stark beeinflussen.Ich habe auch gewisse Songs die ich haben “muss” wenn es mir schlecht geht o.ä.

    Meinen tiefsten Respekt für Dich! Ich ziehe meinen Hut vor Menschen die bereit sind für Dinge zu kämpfen und einzustehen, so etwas ist echt selten.

    Lieben Montagsgruss, Michaela

  4. Moin moin!
    Tut mir echt leid, dass die Schulzeit für Dich so fies war. Irgendwie habe ich das Gefühl, fast jeder gehört entweder einer gemobbten Minderheit oder dem mobbenden Pulk an in der Schule. Bei mir war es die gemobbte “Gute-Noten-Minderheit”. Auch doof. Aber wenigstens die Lehrer lassen einen dann in Ruhe.
    Ich bin froh, dass Du die Musik als Ventil entdeckt hast und nicht etwa Selbstverletzung oder Gegengewalt. Gute Entscheidung!
    Neulich habe ich in der Zeitung gelesen, dass die Geburten in Deutschland zwar zurückgehen, sich die Bevölkerungszahl aber stabil hält. So langsam werden also eher die Deutschen hier zur Minderheit. Der Wandel der Gesellschaft. Und trotzdem könntest Du heute beispielsweise wegen der falschen Schuhmarke gemobbt werden.
    Ehrlich gesagt habe ich schon ein bisschen Angst mich mit sowas auseinandersetzen zu müssen, jetzt da ich selbst ein Kind habe…

  5. Danke, für diesen sehr persönlichen Bericht.

  6. Krasse Geschichte. Ich hatte ja auch so meine Probleme mit Lehrern und Mitschülern, übelstes Mobbing und so. Lehrer, die sich mit den Eltern treffen wollen und nicht auftauchen, oder man meldet sich, wird nicht drangenommen und bekommt dann ne 6. Demütigung vor der Klasse (“Du wirst mal ohne Abschluss als Müllmann enden – wenn überhaupt”), Psychodinger (z. B.: Nenne die Instrumente des Rapsongs. Ich nenne u. a. die Turntables, werde dafür kritisiert. Beim nächsten Mal verschweige ich die Turntables und werde deswegen ebenfalls kritisiert, während andere bei gleicher Antwort gelobt werden) etc. Bei mir lief das ebenfalls über die Herkunft, zwar bin ich Deutsch, aber in der einen Schule waren meine Eltern zu Wohlhabend (sprich: sie waren keine Assis, hatten zwei Autos und verprügelt haben sie mich auch nicht), auf der anderen Schule (Nachbarschule) war ich dann der Assi von meiner ehemaligen Schule. Für mich war die Rettung damals ebenfalls die Musik, Jethro Tull um genauer zu sein. Als ich zum ersten Mal Bouree hörte, hat das alles verändert. Und nicht zu vergessen: Isaac Hayes.

  7. absolut scheiße dass dir das passiert ist und in welche richtung auch immer, jemanden zu dissen weil er anders is ohne demjenigen die chance zu geben, ihn knnenzulernen, ist mies – von wlcher seite auch immer das ausgeht.

  8. Puh! Da bin ich aber froh, daß Du das alles dennoch ganz gut überstanden hast! Aber das mit der Musik kenne ich schon auch. Hat mir auch schon über das ein oder andere Tief geholfen.
    Was das Mobbing an sich angeht: Heutzutage kann man doch wegen jedem Scheiß gemobbt werden. Da wird mir auch jetzt schon etwas mulmig, wenn ich da an den BabyChief denke…

  9. Unsere Gesellschaft hat (immer noch) ein Problem mit Menschen, die anders sind. Anderssein ist gefährlich, weil es die eigene Unzulänglichkeit aufzeigt. Und, dass man nicht das Maß aller Dinge ist. Damit können (zu) viele nicht leben.

    Statt von einander zu lernen, neigen wir Menschen dazu, das Fremde zu unterdrücken. Und das wird sich so schnell nicht ändern, befürchte ich.

  10. Zuerst wollte ich schreiben:

    Gut, dass die Gesellschaft heute toleranter ist…aber während des Tippens fiel mir auf, dass wir zwar heute multikultureller Zusammenleben, aber leider nicht toleranter!

    Die Jugend mobbt sich munter durch die Gegend und ich glaube, unsere Generation kann sich auch nicht davon freisprechen!

    Schade eigentlich!

    Danke für diesen persönlichen Post! Klasse, dass du dich nicht hast unterkriegen lassen!

  11. Starker Text, Alter! Das Album hatte ich noch nicht auf dem Schirm, hole es mir aber. Dafür mein Dank.

    – Public Enemy ist auch mein Ding in den 90ies gewesen. Allerdings verbindet mich damit nicht so etwas Persönliches, wie es bei dir der Fall ist. – Eine ergreifende Kurz-Bio hast du zum besten gegeben. Das hat Energie, das hat Power. Und lässt auf noch mehr davon weiter drunter schließen. – Denk jetzt nicht, dass ich dich heiraten möchte, aber das war ein SEXY beitrag.

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